Was ist eigentlich ein Mensch?

Selçuk Cara geht mit der Inszenierung des Brechtstücks »Die Maßnahme« auf dem Gaswerkgelände der Frage nach, inwieweit wir Menschen opfern, um unsere Ideologien zu behalten.

Am Einlass steht eine lange Schlage von Besucher*innen. Wir werden durch ein Zelt hindurch geschleust. Zusammen mit den Tickets werden uns Postkarten ausgehändigt. Es sind Fotografien von Kevin McElvaney, der mit der Seenotrettung im Mittelmeer unterwegs war. Abgebildet sind Menschen, die dem Ertrinken entronnen sind. Es geht nur schleppend vorwärts. Allmählich begreifen wir, dass die Inszenierung schon begonnen hat. Wie ankommende Geflüchtete müssen sich die Theatergäste einreihen und bekommen Anweisungen, wie man sich zu verhalten hat. Schließlich stehen alle dicht gedrängt im alten Kühlerhaus der Gaswerkanlage. Es ist spärlich beleuchtet und muffig. Hinter einem Bauzaun, der sich über die ganze Länge des Raumes erstreckt, sehen wir einen vermüllten Strand mit verzweifelten Menschen, die sich mit einem ganz und gar nicht seetüchtigen Schlauchboot gerne auf den Weg machen würden – wenn der Zaun nicht wäre. Sie sprechen zu uns und fragen flüsternd: »Bist du ein Mensch?« Nur ein Teil der Besucher*innen bekommt die Situation am Zaun mit. Die hinteren Reihen scherzen und lachen und sind anderweitig beschäftigt. Das Flüstern schwillt zu einem verzweifelten Schreien an. Der Absperrzaun wird beinahe gestürmt. »Es wird mir hier zu eng«, sagt ein Theatergast neben mir. Wir werden aus dem Gebäude auf der anderen Seite hinausgelassen.

Ein paar Treppen hinunter und wieder hinauf geht es in das Apparatehaus. Dichter Weihrauchnebel hängt in der Luft. Eine Vorleserin versetzt uns in das Brechtstück der 30er Jahre, in dem es um den Konflikt zwischen den eigenen moralischen Grundsätzen und einem taktisch-bürokratischen Vorgehen im Sinne der Parteidoktrin geht. Darf man die Revolutionsidee verraten, um das Leid der Menschen zu lindern? In »Die Maßnahme« sind Schauspieler*innen zugleich Studierende und die Trennung zwischen Bühne und Publikum ist aufgehoben. Das Apparatehaus bietet hierfür einen besonderen Rahmen. Nur ein Teil der Zuschauer*innen kann auf Bänken – es sind Kirchenbänke – Platz nehmen, die anderen stehen zwischen Regleranlagen, Umfüllgebläsen, Steuerrädern und Gasuhren herum, klettern zum Teil hinauf. Wir sind mitten in einem Workshop. Ganz gemäß der Lehrstückdramaturgie nehmen die Schauspieler*innen immer wieder verschiedene Haltungen ein, trainieren ihr dialektisches Denken und schulen ihre Gesten.

Brechts Ziel seiner Theaterpraxis war, die Wahrnehmung des Publikums zu verändern und es permanent mit neuen Perspektiven zum aktiven Denken zu bringen. Unter den Nazis war das Stück verboten. Im Jahr 1956 belegte es Brecht selbst wegen möglicher Missverständnisse über seine politische Zielrichtung mit einem Aufführungsverbot. Erst seit 1998 kann es wieder gespielt werden. Vor einem Parteigericht müssen sich vier russische Agitatoren für die Tötung eines Genossen verantworten. Also spielen sie die Situation nach, die zu dieser »Maßnahme« geführt hat. In der Restrospektive zeigen sie, wie den jungen ungestümen Revolutionär das Mitleid mit den Elenden überkommt, er in revolutionären Übereifer verfällt und wie er darüber die Strategie der Partei in Frage stellt. Am Ende willigt er jedoch selbst in seine Ermordung ein, um die große Sache des Kommunismus nicht zu schwächen. Mehr Brecht geht kaum und das Schaupiel ist intensiv und zuweilen recht schwer auszuhalten. Die Schauspieler*innen haben meine Hochachtung für ihre Leistung. Revolutionär sein ist schwer erhebend. Die Musik von Hanns Eisler mit ihren Merkmalen geistlicher Musik und kirchentonartlicher Wendungen unterstreicht das. Das Orchester unter der Leitung von Geoffrey Abbott spielt hervorragend. In der Inszenierung sitzt es leider die ganze Zeit hinter einem schwarzen Vorhang. Erst zum Schlussapplaus treten die Musiker*innen hervor.

»Die Maßnahme« ist ein Oratorium, das in hochstilisierten Wechselreden und Gesängen darlegt, warum vier russische Untergrund-Parteiagitatoren in China ihren fünften Genossen erschießen mussten. »Die Maßnahme« des diplomierten türkisch-stämmigen Selçuk Cara ist auch eine Auseinandersetzung mit den Menschenopfern an den EU-Außengrenzen. »Was will mein Innenminister und meine EU von mir, von uns?«, fragt der Regisseur. »Wollen sie die Auslöschung meiner persönlichen Verantwortung?« Schon der Philosoph Karl Popper reklamierte »Lasst Ideen sterben, nicht Menschen!« Wenn sich eine politische Idee gegen die Überprüfung ihrer Richtigkeit abschottet, kann sie keine Berechtigung haben. Die Offene Gesellschaft gerät in Gefahr. Ich sehe die Inszenierung von Selçuk Cara als Aufforderung, Gesicht zu zeigen.

Erstellt für a3kultur.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.